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AUTOR/IN
Tamara Trunk
Tamara Trunk (Foto: privat)
INTERVIEW
Joachim Kochhann
Volker Janitz

Jedes fünfte Elternteil vermutet beim eigenen Kind ADHS, das ist das Ergebnis einer neuen Studie. Welche Symptome auf ADHS hindeuten und was betroffene Eltern tun können, lest ihr hier.

Der siebenjährige Ben kann nicht still sitzen, schreit durchs Klassenzimmer, hat Probleme, sich zu konzentrieren und sammelt einen Klassenbucheintrag nach dem anderen. Das Vorurteil, er sei schlecht erzogen, ist schnell gebildet. Doch was Außenstehende nicht wissen: Ben hat ADHS, die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung. Seine Mutter Annemie hat das schon länger vermutet, aber erst seit Oktober letzten Jahres die Gewissheit, erzählt sie im SWR3-Interview.

Schon im Kindergarten hatte man zunächst kein Verständnis für Bens Verhalten – bis die Leitung wechselte und Ben Unterstützung durch eine Integrationskraft erhielt. Aber auch im privaten Umfeld haben Annemie und Ben wenig Rückhalt erfahren. Vor allem die ältere Generation habe immer gesagt:

Ach, der hat einfach Dampf im Hintern!

Annemie hat sich nie für voll genommen gefühlt. Aber auch Ben selbst hat gespürt, dass da etwas ist. „Mama, mein Kopf spinnt“, sagt er öfter zu Annemie. Er macht Dinge, die er eigentlich gar nicht machen wollte, weiß aber nicht, warum.

Neue Studie zu ADHS: Eltern fühlen sich schlecht informiert

Jedes fünfte Elternteil vermutet beim eigenen Kind ADHS – das ist das Ergebnis einer neuen Studie, die in Heidelberg vorgestellt wurde. Die Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung ist eine der am häufigsten diagnostizierten psychiatrischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen, von der auch die Eltern stark betroffen sind.

Wie kommen Eltern mit der Diagnose ADHS bei ihren Kindern zurecht, gibt es genug Unterstützung und welche Vorurteile gibt es gegenüber ADHS-Betroffenen? Diese Fragen wurden betroffenen Eltern in der Studie gestellt. In den Ergenissen beklagen Eltern, dass sie zu wenig Informationen und Unterstützung bekommen würden.

Annemie und Ben haben neun Monate auf den Termin gewartet, der letztendlich die Diagnose ADHS gebracht hat. Nach dem Fahren von Termin zu Termin, viel Papierkram und ständigen Selbstzweifeln, ob sie denn etwas falsch gemacht haben könnten, hofft Annemie, dass Ben jetzt geholfen werden kann. Bald steht schon der nächste große Schritt an: Ben soll Medikamente bekommen und hoffentlich irgendwann auch wieder ganz ohne auskommen.

Symptome: Wie erkenne ich, dass mein Kind ADHS hat?

Laut Bundesgesundheitsministerium gibt es drei Hauptsymptome bei ADHS.

  • Hyperaktivität (übersteigerter Bewegungsdrang)
  • Unaufmerksamkeit (gestörte Konzentrationsfähigkeit)
  • Impulsivität (unüberlegtes Handeln)

Die Auffälligkeiten müssen laut dem Bundesministerium für Gesundheit über einen längeren Zeitraum (mindestens sechs Monate) und in verschiedenen Lebensbereichen des Kindes (Familie, Schule und Freizeit) auftreten, damit man wirklich von ADHS sprechen kann.

Im Interview mit SWR3-Moderator Volker Janitz bestätigt Dr. Ute Dürrwächter, Leitende Psychologin der Uniklinik Tübingen, diese Symptome.

Logo SWR3 (Foto: SWR, SWR)

Diverses Woran erkennt man ADHS

Dauer

Interview mit Dr. Dipl. Psych. Ute Dürrwächter

Wichtig sei aber auch der Vergleich zu anderen Kindern – bei ADHS würden die Symptome das Maß einer gleichaltrigen Altersgruppe übersteigen.

Mein Kind zeigt auffälliges Verhalten, was kann ich jetzt tun?

Ute Dürrwächter sagt, es könne hilfreich sein mit Erziehenden oder Lehrpersonal zu sprechen um bei einem Anfangsverdacht nach Auffälligkeiten zu fragen. Verhalten sich die Kinder in verschiedenen Kreisen auffällig, sollte als Nächstes der Kinderarzt hinzugezogen werden, der einen guten Überblick über die Entwicklung des Kindes hat. Umgekehrt sei es aber auch wichtig, dass Fachkräfte in der Schule und im Kindergarten die Augen offen halten und auf die Eltern zugehen, wenn sie ungewöhnliches Verhalten beobachten. Es gibt sehr viele individuelle Fälle und Ausprägungen von ADHS und die Erfahrungen von Betroffenen können nicht verallgemeinert werden.

Braucht mein Kind ADHS-Medikamente?

Eltern haben oft die Sorge, dass ihre Kinder bei der Behandlung mit Medikamenten nur ruhig gestellt werden – laut der Studie befürchten das 77 Prozent der befragten Elten. Auch Annemie hatte zunächst Zweifel, doch Bens Arzt konnte sie beruhigen. Wenn das Kind ruhig ist, sei er falsch eingestellt. Die Medikamentendosis sei gerade so hoch, dass Ben sich besser konzentrieren kann.

Medikamente spielen bei ADHS dann eine wichtige Rolle, wenn wir eine starke Symptomatik oder einen hohen Leidensdruck beim Kind oder im Umfeld haben. Aber: Medikamente sollten erst nach eindeutiger Diagnose und immer in Kombination mit anderen Maßnahmen wie Verhaltenstherapie und Begleitung und Beratung der Familie eingenommen werden.

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Diverses Behandlung und Medikamente bei ADHS

Dauer

Interview mit Dr. Dipl. Psych. Ute Dürrwächter

Welche Folgen hat eine unerkannte ADHS?

In der Schule bleibt das Kind unter seinem Leistungsniveau, weil es die Aufgaben nicht in der vorgegebenen Zeit erfüllen kann und unstrukturiert vorgeht, so Ute Dürrwächter. Für die Kinder selbst ist aber die soziale Ausgrenzung viel schlimmer als Stress bei den Hausaufgaben. Aufgrund ihres impulsiven Verhaltens und des Temperaments sind betroffene Kinder öfter Außenseiter. Dies ist ein Nährboden für weitere Erkrankungen wie Depressionen und Angststörungen, erklärt die Expertin.

ADHS-Hilfsangebote für Eltern wenig bekannt

Laut der neuen Studie existieren zwar viele verschiedene Hilfsangebote für ADHS-Betroffene und ihre Familien, aber nur wenige Eltern kennen diese. Von 17 in der Befragung vorgelegten Angeboten sind nur vier mindestens der Hälfte bekannt: Medikamentengabe (66%), Kinder- und Jugendpsychiatrie (65%), Verhaltenstherapie (57%) und Familienhilfe (57%).

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