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Philip Wegmann
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Vanessa Valkovic
Vanessa Valkovic (Foto: SWR3)

„An apple a day keeps the doctor away” – den Spruch hat fast jeder schon mal gehört. Der folgt dem Prinzip: Wer sich gesund ernährt, bleibt auch länger gesund. Stimmt das? Wir machen den Faktencheck.

Jedes Jahr im Januar nehmen sich viele Menschen vor, gesünder zu leben und sich gesünder zu ernähren. Schon im letzten Jahr hatten laut einer Umfrage fast zwei Drittel der Deutschen als Neujahrsvorsatz 2021, dass sie sich gesünder ernähren wollen. Damit kann alles Mögliche gemeint sein. Obst und Gemüse stufen die meisten Menschen als gesund ein. Aber wie viel davon ist ratsam? Wie viel ist zu viel? Und welches Obst und Gemüse? Die weltweite Kampagne 5 am Tag macht eine klare Ansage: Fünf Hände voll mit Obst und Gemüse. Jeden Tag.

Uwe Knop ist Ernährungswissenschaftler und einer der größten Kritiker dieser Vorgabe. Er hält gar nichts von dieser Empfehlung:

Weil das eine frei erfundene Menge ist, die den Menschen suggeriert, wenn du so viel isst, es wäre gesund für dich. Aber dafür gibt es keinerlei Beweise, von daher ist das eine Ernährungsregel, wie alle anderen auch, die mit konkreten Vorgaben daherkommen, aber kein wissenschaftliches Fundament haben. Von daher kann man die getrost ignorieren und sollte besser auf seinen Körper hören, der weiß schon, wie viel Obst und Gemüse man wirklich braucht, aber sonst niemand.

Was ist also dran an dieser Empfehlung? Und was sagt die Wissenschaft?

Was steckt hinter 5 am Tag?

Hinter der Kampagne 5 am Tag steht ein eingetragener Verein mit Mitgliedern wie der Deutschen Krebsgesellschaft, einigen Krankenkassen, Ministerien, Stiftungen und Partnern aus der Wirtschaft. Einer der wichtigsten Beteiligten ist eine Art selbst ernannte Stiftung Warentest für Essen: die Deutsche Gesellschaft für Ernährung, die DGE. Sie publiziert, informiert und berät bei Fragen rund um das Thema Ernährung. Bezahlt wird sie zum Großteil über Steuern. Sie stützt die Empfehlung von fünf Portionen Obst und Gemüse am Tag. Aber gibt es eine wissenschaftliche Basis?

Vorausgegangen ist dem, dass wir Ende der 90er Jahre durch verschiedene Untersuchungen des World Cancer Research Funds, also des internationalen Krebs-Fonds und der amerikanischen Krebsgesellschaft Daten hatten, die gezeigt haben, dass es eine sogenannte inverse Beziehung zwischen Obst und Gemüse gibt.

Das bedeutet laut Gahl, dass wenn wir mehr Gemüse und Obst verzehren, das gesundheitsfördernde Effekte auf bestimmte Krebskrankheiten hätte.

Der Bezug auf Studien wirkt auf den ersten Blick vertrauenswürdig und vermittelt eine wissenschaftliche Grundlage für eine Empfehlung. Zu Recht?

Länger Leben Dank Obst und Gemüse?

Ergebnisse einiger Studien zeigen, dass Obst und Gemüse das Risiko von Herzkrankheiten, Schlaganfällen oder verschiedenen Krebserkrankungen reduzieren können. Am University College of London haben Forscherinnen und Forscher herausgefunden, dass bei steigendem Konsum, vor allem von Gemüse, die Sterberate sinkt. Sie empfehlen auf der Basis ihrer Untersuchungen sogar mindestens sieben Portionen Obst und Gemüse am Tag. Die DGE verweist darauf, dass es zu Beginn nur Beobachtungsstudien gegeben habe:

Das heißt wir können anhand dieser Studien in der Ernährungswissenschaft Zusammenhänge – also Assoziationen oder Zusammenhänge – belegen, nachweisen, aber keine kausalen Zusammenhänge. Also das heißt den direkten Beweis, dass daraus exakte Mengenangaben abzuleiten sind – sozusagen, sie müssen so und so viel Gemüse essen, damit sie definitiv dem Krebs vorbeugen – das können wir nicht machen.

Es gibt bei den ganzen Studien also folgendes Problem: Die meisten Zusammenhänge, die Studien finden können, sind relativ schwach, weil es sich um Beobachtungsstudien handelt. Ursache und Wirkung wurden nicht genau untersucht. Stattdessen stützt man sich eher auf Vermutungen, was Ursache und Wirkung sein könnte.

Dazu ein konkretes Beispiel: Hat man zu einem Thema viele Studien, die zeigen, dass Menschen, die rote T-Shirts tragen länger leben, können wir ja auch nicht dazu raten, dass alle jetzt rote T-Shirts tragen sollen, weil das unser Leben verlängert. Alle Probanden der Studien haben, vielleicht auch Brot gegessen. Woher weiß man also, ob nicht das Brot den lebensverlängernden Effekt hatte? Dass bedeutet, dass auch andere Einflüsse und Lebensumstände den Zusammenhang erklären können. Zum Beispiel könnte es daran liegen, dass Menschen, die viel Obst oder Gemüse essen auch oft mehr Sport machen, auf ihre Gesundheit achten und sich grundsätzlich besser ernähren. Und dass umgekehrt Menschen, die mehr Sport machen, auch mal öfter zum Apfel als zum Kuchen greifen. Ein längeres Leben durch Obst und Gemüse kann also sein, muss aber nicht sein.

Baden-Baden

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Zu viel Obst kann auch ungesund sein

Menschen verwerten Nahrung alle unterschiedlich gut. Verschiedene Menschen benötigen verschiedene Nährstoffe. Einige Ernährungswissenschaftler sprechen in diesem Zusammenhang von personalisierter Ernährung und würden eine gute Ernährung so beschreiben:

Wenn jemand gerne 5 am Tag essen will, weil ihm das Spaß macht und er fühlt sich dabei gut, weil das gesamte Körpergefüge da mit einspielt und es ist im Einklang mit Körper und Geist, dann ist das ja überhaupt kein Thema, kann ja jeder machen, wie er will. Und Obst und Gemüse per se ist natürlich nicht ungesund. Die Frage ist immer, das ist das A und O: Was vertragen Sie gut und was vertragen Sie nicht gut?

Verträglichkeit ist ein Aspekt, aber Obst beispielsweise ist gar nicht so unproblematisch. Stichwort: Zucker. Auch zu viel Fruchtzucker kann bei Diabetes eine Rolle spielen oder zu Übergewicht führen. Mal ganz abgesehen von Beschwerden, wenn eine Unverträglichkeit vorliegt. Aber trotzdem helfen viele Apfelsorten den Blutdruck zu senken, der bei den meisten älteren Erwachsenen im Laufe des Lebens zu hoch ist. Und das macht die Beweislage, ob der Apfel gesund ist, in diesem Punkt zu einer individuellen Frage.

5 am Tag hin oder her – es gibt ein Lebensmittel, in dem viele Nährstoffe, die Menschen benötigen, vorhanden sind. Zumindest in Bezug auf Mineralien und Vitamine. Es enthält fast doppelt so viel Vitamin C wie Orangen, dazu Vitamin B, E, Calcium, Eisen, Magnesium und vieles mehr. Und zwar Fenchel. Jeden Tag einen Fenchel und schon ist ein guter Teil des täglichen Bedarfs abgedeckt.

Fazit: Wie ernährt man sich gesund?

Einen Fenchel am Tag zu essen reicht natürlich nicht aus und ist ziemlich langweilig auf Dauer. Deutlich wird aber, dass diese große Kampagne, finanziert durch Krankenkassen, Ministerien, die Deutsche Gesellschaft für Ernährung und vielen andere, sich auf Studien stützt, die mehr als zweifelhaft sind, weil sie sich hauptsächlich auf Beobachtungen berufen.

Fakt ist aber auch, dass Obst und Gemüse wichtige Inhaltsstoffe liefern. In welchen Mengen die letztens Endes konsumiert werden sollten, hängt auch an anderen Faktoren wie Verträglichkeit oder der Frage, ob die Inhaltsstoffe bereits durch andere Lebensmittel abgedeckt werden.

Sich krampfhaft an die 5 am Tag-Vorgabe zu halten ist nicht sinnvoll. Nur das Salatblättchen auf dem Burger zu essen ist allerdings auch zu wenig. Eine einfache Regel, die weniger dogmatisch ist, aber alles aussagt über gesunde Ernährung, lautet: Abwechslungsreich und von allem nicht zu viel. Dann kann man im Grunde alles essen, was der eigene Körper begehrt.

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