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Hans Liedtke
Hans Liedtke (Foto: SWR3)
Björn Widmann
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Jetzt kommen zu den Party-Vorwürfen während des Lockdowns noch andere Vorwürfe: Der Briten-Premier soll die Evakuierung von Katzen und Hunden aus Kabul angeordnet haben.

Es vergeht kein Tag ohne neue Vorwürfe gegen den britischen Premierminister Boris Johnson. Weil er im Lockdown mehrere Partys in seinem Amtssitz gefeiert haben soll, steht Johnson sowieso schon gehörig unter Druck.

Jetzt kommen neue Vorwürfe dazu, die mit Partys nichts zu tun haben – aber Johnson noch mehr unter Druck setzen. Johnson soll im vergangenen Sommer die Evakuierung von etwa 150 Katzen und Hunden aus der afghanischen Hauptstadt Kabul autorisiert haben.

E-Mail aus Außenministerium belastet Johnson

Der Auswärtige Ausschuss des Unterhauses hat eine entsprechende E-Mail veröffentlicht. Darin heißt es, Johnson habe die Evakuierung von Mitarbeitern und Tieren autorisiert. Im vergangenen Sommer hatte die Aktion für Entrüstung gesorgt. Johnson dementierte die Berichte damals aber, sie seien „kompletter Unsinn“.

Jetzt legt die veröffentlichte E-Mail nahe, dass Johnson dazu gelogen hat. Die Kritiker des Premier fürchten, dass die Aktion zu Lasten der Menschen ging, die für Großbritannien gearbeitet haben und die deswegen Racheakte der militant-islamistischen Taliban zu befürchten hatten.

Großbritannien hatte innerhalb in wenigen Tagen 15.000 eigene Staatsbürger und Ortskräfte aus Afghanistan ausgeflogen, während die Taliban die Kontrolle über das Land übernahmen. Tausende andere Menschen mit Verbindungen zu Großbritannien mussten zurückbleiben.

Britischer Ex-Soldat fliegt Tiere aus Afghanistan aus

Der ehemalige britische Soldat Paul Farthing hatte sich in einer tagelangen Kampagne auf sozialen Medien und in Fernsehinterviews für das Ausfliegen der Tiere eingesetzt – mit Erfolg. Er verließ das Land mitsamt der Katzen und Hunde in einem Charterflug in letzter Sekunde. Die Mitarbeiter der von ihm gegründeten Tierschutzorganisation Nowzad in Kabul mussten jedoch zunächst zurückbleiben.

Yes I managed to get the animals of @Nowzad on a flight to safety. I couldn’t take my staff as the Taliban put an AK47 in my face & told me they were staying. Not much I could do. BUT that does not mean we have given up. It was always and will BE ‘people & animals’ #OperationArk https://t.co/ARA7Th44dG

Johnson weigert sich, zurückzutreten

Trotz der ganzen Vorwürfe, die Tag für Tag auf Johnson einprasseln, weigert sich der Premier, seinen Hut zu nehmen. Im Parlament stellte er sich hinter einen Oppositionspolitiker, der den Rücktritt von zwei Parlamentariern forderte.

Auf die Frage, ob er zurücktrete, sagte Johnson aber: „Nein.“ Er wisse, dass ihn viele weg haben wollten. Er und seine Regierung wollten aber weiterarbeiten. „Wir haben die harten Entscheidungen gefällt und wir lagen bei den wichtigen Punkten richtig.

Polizei ermittelt wegen Corona-Partys gegen Johnson

Erst am Dienstag hatte die Polizei von London mitgeteilt, dass sie gegen Johnson ermittelt – es geht um die Partys, die Johnson in seinem Amtssitz in der Downing Street gefeiert hat, während Großbritannien im Lockdown war.

Die Chefin der Metropolitan Police, Cressida Dick, sagte, Scotland Yard untersuche „eine Reihe von Ereignissen“ in der Downing Street. Während die Vorfälle untersucht werden, wolle die Polizei keinen Kommentar dazu abgeben.

Die Tatsache, dass wir jetzt ermitteln, bedeutet natürlich nicht, dass in jedem Fall und gegen jede beteiligte Person ein Bußgeldbescheid erlassen wird

ITV-Bericht: Johnson feiert und bewirtet Gäste

Der Fernsehsender ITV berichtete, Johnson habe im Juni 2020 an einer Geburtstagsfeier in seinem Büro teilgenommen. Später habe er dann Freunde in seiner Wohnung im Obergeschoss bewirtet.

Johnsons Büro dementierte den Bericht gleich und teilte mit, dass „der Premierminister im Einklang mit den damaligen Regeln eine kleine Anzahl von Familienmitgliedern an diesem Abend draußen bewirtete“.

Briten nehmen Johnson die Party-Affären sehr übel

Viele Briten sind stinksauer wegen der „Partygate“-Vorwürfe. In den Jahren 2020 und 2021 durften sie wegen der Corona-Pandemie monatelang nicht mit Freunden und Familienangehörigen treffen, um die Verbreitung von Corona einzudämmen.

Die Vorwürfe werden von der hochrangigen Beamtin Sue Gray untersucht. Ihr Bericht über die Partys im Hause Johnson wird noch in dieser Woche erwartet. Für Party-Boris geht es dabei um nicht weniger als seine politische Zukunft.

Johnson redet sich um Kopf und Kragen

Erst am Dienstag hatte Johnson gesagt, dass die Vorwürfe seines Ex-Beraters Dominic Cummings nicht wahr seien. Cummings warf Johnson vor, in der „Partygate“-Affäre gelogen zu haben.

Niemand habe ihn darauf aufmerksam gemacht, dass eine Veranstaltung im Mai 2020 im Garten seines Amtssitzes gegen die damals geltenden Corona-Auflagen verstoßen könnte, sagte Johnson in einem Interview mit Sky News.

Dabei kam Johnson immer wieder ins Stottern und suchte die richtigen Worte. Die Zeitung The Guradian nannte das Interview „verheerend“. Die Zeitung Independent machte sich über Johnson lustig: „Niemand hat mich gewarnt, dass die Party gegen Regeln verstößt, sagt der Mann, der die Regeln gemacht hat.

Boris Johnson fasst sich an den Kopf (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa/PA Wire | Jack Hill/The Times)
Großbritanniens Premierminister Boris Johnson steht unter gewaltigem politischen Druck. picture alliance/dpa/PA Wire | Jack Hill/The Times

Britische Medien machen sich über Johnson lustig

Johnson kämpft seit Wochen um sein Amt. Um seinen Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen, hat Johnson am Dienstag die Corona-Regeln aufgeweicht. Dazu gehört unter anderem die Vorgabe, möglichst von Zuhause zu arbeiten. Außerdem ist die Maskenpflicht in Geschäften und öffentlichem Nahverkehr wieder aufgehoben worden.

Davon wollen sich die Tory-Rebellen aber nicht besänftigen lassen. Sie wollen weiter eine Misstrauensabstimmung im Parlament. Johnsons einzige Rettung könnte dabei die Tatsache sein, dass es keinen klaren Herausforderer gibt, den seine Gegner unterstützen können.

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