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Barbara Lampridou
Barbara Lampridou (Foto: SWR3)
Ferdinand Vögele
Ferdinand Vögele (Foto: SWR3)

Die Ukrainerin Tania ist mit ihren beiden Kindern im Februar aus Kiew geflüchtet und lebte seitdem bei der Stuttgarterin Hilli, die die Familie in ihrem Haus aufgenommen hat. Jetzt hat sie entschieden, dort zu bleiben.

Den Moment, auf den sich Hilli Pressel seit Tagen versucht vorzubereiten, rettet ihr Hund. Denn als die ukrainische Familie – geflohen aus Irpin bei Kiew und seit einer Woche im Auto unterwegs – über die Türschwelle der Stuttgarterin tritt, zaubert Hündin Chica mit ihrem Willkommens-Gebell ein Lächeln auf die müden Gesichter der Kinder. Es ist das erste mal seit Tagen. Denn sie sind nun endlich angekommen, in Sicherheit.

Im Audio: So war die erste Begegnung in Stuttgart.

Die Stuttgarterin Hilli Pressel (zweite von links) und Familie Stychynska. (Foto: SWR, Barbara Lampridou)

Nachrichten Flucht aus der Ukraine: Die Familie kommt in Stuttgart an

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Die Ukrainerin Tania ist mit ihren beiden Kindern aus Kiew geflüchtet und lebt nun bei der Stuttgaterin Hilli, die die Familie in ihrem Haus aufgenommen hat. Dies sind die Eindrücke ihres ersten Treffens.

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Wir begleiten Tania und ihre Familie über die kommenden Wochen und Monate und erzählen in diesem Artikel ihre Geschichte regelmäßig weiter. Über die Links könnt ihr direkt zu einzelnen Kapiteln springen. Das neueste Kapitel steht gleich oben.

Neu

Alle Folgen

  1. Die neue Unterkunft in Stuttgart
  2. Wie das Leben früher in der Ukraine war
  3. Warum der Krieg für Hilli schon immer eine besondere Rolle gespielt hat
  4. Tania will Deutsch lernen
  5. Wie Wowas Freund auf der Flucht erschossen wurde
  6. Wie geht es Tochter Sonia?
  7. Tania vermisst ihren Mann, der in der Ukraine geblieben ist
  8. Arbeiten und Schule
  9. Ein erstes Zwischenfazit
  10. Ein Teil von Tanias Familie findet Putin gut – wie geht sie damit um?
  11. Kehrt Tania zurück in die Ukraine?
  12. Das Wiedersehen mit Ehemann und Vater Dima
  13. Die Entscheidung: Tania kehrt nach Kiew zurück

Zwei kleine Zimmer im oberen Stock

Ich möchte, dass sie sich wohl fühlen, ich möchte, dass sie zur Ruhe kommen“, sagt Hilli, die als Sozialarbeiterin arbeitet. Zwei kleine Zimmer im oberen Stock ihres Hauses hat sie für die Familie eingerichtet. Dort gibt es auch ein eigenes Bad und eine kleine Küche unterm Dach. Mehrfach entschuldigt sich Hilli, dass alles nur sehr einfach und auch schon etwas älter ist. Aber Tania ist in diesem Moment einfach nur dankbar. Sie kann kaum glauben, dass sie nun hier kostenlos mit den beiden Kindern bleiben darf.

In der Ukraine hatte die Familie ein gutes Leben

Die Familie, das sind Mutter Tania, die 18-jährige Tochter Sonia und Sohn Wowa, 11 Jahre alt. Vater und Ehemann Dima ist in Kiew geblieben. Wie alle wehrpflichtigen Männer zwischen 18 und 60 darf er das Land nicht verlassen. Die Familie hatte ein gutes Leben in Kiew, zählt zur gehobenen Mittelschicht. Sie arbeitet als Friseurin, er ist Architekt. Bis vor wenigen Wochen lebten sie in einem modernen, voll digitalisierten Haus. Jetzt schlagen um sie herum die Bomben ein und Tania sagt, dass sie nie damit gerechnet habe „hundert Jahre zurück zu gehen“. Denn auch das bedeutet Flucht: Zerstörung, Verlust und sozialer Abstieg.

Bild aus einem Leben, das es so nicht mehr gibt: Die Familie in ihrem Haus in Irpin bei Kiew. Vater Dima, Mutter, Tania und die beiden Kinder Sonia und Wowa (von links nach rechts). (Foto: SWR)
Bild aus einem Leben, das es so nicht mehr gibt: Die Familie in ihrem Haus in Irpin bei Kiew. Mutter Tania, Vater Dima, und die beiden Kinder Sonia und Wowa (von links nach rechts).

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Der Krieg spielt auch in Hillis Leben eine besondere Rolle

Ich hab sie wirklich schon ins Herz geschlossen“ sagt die Stuttgarterin Hilli einige Tage später. Das Verhältnis ist herzlich. Die ganze Familie in der Ukraine kennt Hilli jetzt schon vom Telefon: Die Omas und Opas und natürlich Ehemann Dima. Sie alle sind froh, dass Tania und die Kinder in Sicherheit sind und Hilli sich so herzlich um sie kümmert. Das rührt die Stuttgarterin. Sie ist froh, dass sie etwas tun kann und sagt, dass Krieg schon immer eine besondere Bedeutung in ihrem Leben hatte. Ihre eigene Mutter ist Holländerin und litt unter der deutschen Besatzung im zweiten Weltkrieg. Der Vater war Arzt an der Front und in russischer Gefangenschaft. Das Thema gehe ihr „unter die Haut“, sagt Hilli.

Tania will Deutsch lernen und arbeiten

Sitzen und warten will die Familie nicht. Stattdessen lernt Tania mit den Kindern Deutsch über einen Onlinekurs. Sie sagt, das Land in dem man lebt, solle man respektieren – und das zeige man, indem man die Sprache lernt.

Wowas Freund wurde auf der Flucht erschossen

Tania hofft auf eine schnelle Arbeitserlaubnis und dass ihre Kinder vom Krieg wegkommen. Auch mit dem Kopf. Hilli hat deswegen organisiert, dass der 11-Jährige Wowa beim Schwimm-Schnupperkurs mitmachen kann. Jetzt nach den Osterferien soll für ihn auch endlich die Schule losgehen. Denn der Junge will unbedingt wieder andere Schulkinder treffen – vielleicht kann er so besser seine Traumata verarbeiten. Eines davon dreht sich um seinen Schulkameraden, der am Anfang des Krieges versuchte zu fliehen. Bis ans Taxi hatten er und seine Mutter es geschafft – dann wurden sie erschossen.

Wowa in einem Kostüm und sein 12-jähriger Freund Vanya, der bei der Flucht aus Kiew erschossen wurde.  (Foto: SWR)
Wowa in einem Kostüm und sein 12-jähriger Freund Vanya, der bei der Flucht aus Kiew erschossen wurde.

Tochter Sonia findet schneller Anschluss

Der 18-jährigen Sonia scheint es einfacher zu fallen, Anschluss zu finden. Abends trifft sie oft neue Freunde in der Stadt. Tania entschuldigt sich schon mit einem Lachen, dass ihre Tochter so viel unterwegs ist. Doch Hilli winkt lachend ab. Sie hatte sich mehr Leben im Haus gewünscht und freut sich, dass die Familie so schnell so vernetzt und selbstständig ist. „Die melden sich, wenn sie was brauchen. Das ist einfach klasse!“

Nachts, wenn die Bomben einschlagen

Sehr oft ist Tania mit den Gedanken bei ihrem Mann Dima, der in Irpin im Haus der Familie geblieben ist: Lebt er noch? Was passiert mit ihm? Am liebsten wäre sie bei ihm, würde für ihn und die Soldaten kochen. Doch ihr Mann verbietet ihr zurückzukommen – sie solle sich in Deutschland um die Kinder kümmern, denn in Irpin ist es nach wie vor nicht sicher. In Momenten wie an jenem Abend, als sie mit ihm telefonierte und der Bombenalarm losging, fällt das allerdings schwer. „Du musst Dich sofort verstecken“, hat sie gerufen.

Tanias Vater ist von Putin überzeugt – wie kann sie damit umgehen?

Der Krieg in der Ukraine zieht eine tiefen Graben durch Tanias eigene Familie. Sie seufzt tief, bevor sie anfängt, über das Thema zu sprechen. Denn die Eltern sind ein russisch-ukrainisches Paar und leben in Moskau. Die Mutter, eine Ukrainerin, beschreibt Tania als sehr modern. Sie hat TikTok und Telegram und informiert sich auch dort über den Krieg. Der Vater, ein Russe, ist allerdings schon über 70 und davon überzeugt, dass Russland die Ukraine von den Neonazis befreit. Auch Tanias Schwester ist Putin-Fan.

Für Tania ist die Situation extrem schwierig. Sie will den Kindern nicht die Großeltern und die Tante wegnehmen oder den Kontakt nach Russland kappen. Doch sie muss auch einen Weg finden, um mit den Verbrechen russischer Soldaten in der Ukraine umzugehen.

Sie sagt, dass man nicht selbst so ein grausamer Mensch werden darf. Vielmehr will sie ihre Kinder weiter in Liebe erziehen. Solche Dinge dürften nicht das ganze Leben bestimmen. Tania will ihren Kindern Vorbild sein und sagt, dass nicht alle Menschen aus Russland in einen Topf geworfen werden dürfen. Die Kinder Wowa und Sonia haben hier in Deutschland sogar russische Freunde gefunden.

Tania glaubt aber auch, dass Russland die Ukraine nicht besiegen wird. Sie sagt, dass die Ukraine erst jetzt richtig geboren wird. Und zu einer Geburt gehörten auch Blut, Schmerzen und Tränen dazu.

Das lange Warten auf die Arbeitserlaubnis

Nach rund einem Monat in Stuttgart wartet Tania weiterhin auf ihre Arbeitserlaubnis. Auch wenn sie im oberen Stock eine eigene kleine Wohnung haben, fällt Tania und ihrer Tochter an manchen Tagen die Decke auf den Kopf. Deswegen hat Hilli den beiden vorgeschlagen, ehrenamtlich bei der Tafel zu arbeiten. „Unter Leute kommen, was zu tun haben, ein bisschen Deutsch üben...“, all das sind gute Gründe, sagt Hilli. Mutter und Tochter haben auch schon ehrenamtlich in der Ukraine gearbeitet und nehmen das Angebot sofort an.

Wowa hat weiter Online-Schulunterricht

Dass der Alltag trotz Flucht irgendwie normal weiterläuft, ist wichtig für die Familie. Es sind kleine, selbstbestimmte Entscheidungen, die wichtig sind. Wie zum Beispiel das Auto zur Werkstatt bringen zu können – auch in Deutschland.

Oder dass Sohn Wowa weiterhin Schulunterricht hat. Bevor er an eine Schule hier in Deutschland gehen kann, nimmt er am Online-Unterricht teil, den die Lehrer aus der Ukraine organisieren. Es gibt sogar Online-Sportunterricht für die Schülerinnen und Schüler, die in halb Europa verstreut sind. Wowa berichtet, dass sie ihren Lehrer, der in der Ukraine geblieben ist, neulich dazu zwingen mussten, den Unterricht zu beenden, denn es hatte dort wieder einen Bombenalarm gegeben. Der Lehrer hatte aber darauf bestanden, zuerst die Aufgaben fertig zu machen.

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Von der Ukraine nach Deutschland geflohen: Die Familie zieht ein erstes Zwischenfazit

Etwas mehr als sechs Wochen leben Tania und die Kinder jetzt bei Hilli in Stuttgart. Hundert Prozent eingelebt haben sie sich noch nicht, aber ganz fremd sind sie auch nicht mehr. Viele kleine Dinge im Alltag kann die Familie selbst bewältigen, was sehr wichtig für sie ist.

Tania sagt, dass die Menschen hier sehr nett zu ihr sind. Das will sie auch mitnehmen, wenn sie irgendwann zurückgeht in die Ukraine. Ganz unabhängig von politischen Entscheidungen, wie Waffenlieferungen an die Ukraine, die hier kontrovers diskutiert werden.Dass man auf der menschlichen, der persönlichen Ebene kommuniziert, ist das Wichtigste“, sagt Tania. Es sei das, was die Menschen zusammenhält und aufbaut.

Schlechtes Gewissen und Traum von der Heimkehr

Seit zweieinhalb Monaten ist Tania jetzt schon von ihrem Mann getrennt und weit weg von ihrem Zuhause in Kiew. Anfangs war auch Tanias schlechtes Gewissen mit in Stuttgart eingezogen – denn manche Menschen in der Ukraine beschimpfen sie und alle, die das Land verlassen haben, als Verräter...

Manche sagen: 'Ihr seid Verräter, weil ihr geflohen seid' ... Ich habe erst das Gefühl, alles richtig gemacht zu haben, seit ich von Butscha erfahren habe. Davor hatte ich immer Schuldgefühle. 

Jeden Tag, sagt Übersetzerin Genia, spricht Tania morgens und abends im Videochat mit ihrem Mann, der sich mittlerweile kaum noch selbst ernähren kann. Seine Baufirma hat zur Zeit null Einnahmen, Lebensmittel sind irre teuer geworden. Und jeden Tag sagt Tania trotzdem zu ihm, dass sie sofort zu ihm fahren würde. Ihr Mann möchte das aber nicht, weil es keinen sicheren Ort in der Ukraine gibt. „Wir streiten viel deswegen.“

Früher dachte ich: Ok, wir müssen uns jetzt in Deutschland erstmal ein bisschen einschränken, dafür kommen wir dann zurück und werden dann weiterhin so leben wie früher. Aber jetzt sieht man, dass es wahrscheinlich nicht mehr so wie früher sein wird. Es wird große finanzielle, wirtschaftliche Probleme geben.

Und trotzdem malt sie sich ständig aus, wie es sein wird, irgendwann heimzukommen: 

 Ich werde sicher vor Freude sehr viel weinen. Meine Tochter Sonia und ich stellen uns immer vor, wie wir unseren Hund umarmen. Und selbst die Nachbarn, zu denen wir kaum Kontakt hatten – wir haben das Bedürfnis, selbst die zu umarmen.

Auch mit dem Freundeskreis und mit Verwandten spricht Tania oft über die Zeit, wenn sie und die vielen anderen geflüchteten Menschen aus ihrem Umfeld zurückkehren. 

Alle sagen: „Wenn ihr zurückkommt, werden wir feiern.“ Tania kann sich das nicht so richtig vorstellen, weil alle zu unterschiedlichen Zeitpunkten heimkommen. „Werden wir dann jeden Tag feiern?!“

Zwei Frauen sitzen an einem Tisch und sortieren Dokumente. (Foto: SWR3)
Obwohl Hilli sich als Sozialarbeiterein mit offiziellem Papierkram auskennt, ist es nicht leicht, sich durch alle Anträge zu kämpfen.

Der Kampf mit der Bürokratie

Tanias neues Lieblingswort lautet Fiktionsbescheinigung. Das ist eine Bescheinigung, dass man ausländerrechtlich registriert ist, aber der ausländerrechtliche Status ist noch ungeklärt. Wenn der geklärt ist, dann weiß man, ob man arbeiten darf oder nicht. An diese Bescheinigung für Tania und die Kinder zu kommen – ein Riesenakt. Hilli musste viel telefonieren, Mails und Beschwerden an die Stadt schreiben, um an die richtigen Infos für die Anträge zu kommen.

Auf Bundesebene sagt man, das läuft alles easy, aber die Beamten rödeln und ersticken in Arbeit und kommen nicht mehr klar, vorne und hinten nicht.

Bis die Bescheinigung kam, wie viel Geld Tania und den Kindern zusteht, war es auch ein schwerer Weg.

Wir hatten schweißtreibende Stunden zusammen, um das zu verstehen. Erstens war der März ein halber Monat. Zweitens setzt sich der Lebensunterhalt aus zwei verschiedenen Paragraphen des Asylbewerber-Leistungsgesetzes zusammen. Drittens hatten sie ja eine Vorauszahlung bekommen, die dann gegengerechnet wurde. Und das alles mit Google Translator zu erklären, war schwierig.

Schwierig findet Hilli auch, dass es keinen kostenlosen Deutsch-Kurs für Geflüchtete gibt, solange ihr rechtlicher Status nicht geklärt ist. Tanias Ersparnisse sind deshalb schon draufgegangen, weil sie nicht soviel Zeit verlieren wollte.  

Wir sind gespannt, ob Tania ihre Arbeitserlaubnis hat, wenn wir nächstes Mal mit ihr sprechen.

Kehrt Tania zurück in die Ukraine?

Seit vier Monaten lebt die Ukrainerin Tania mit ihren beiden Kindern bei der Stuttgarterin Hilli Pressel, nachdem sie wegen des Kriegs aus Kiew geflüchtet ist.

Tania ist emotional sehr hin- und hergerissen, da es aus ihrer Heimat gute und schlechte Nachrichten gibt.

Die gute Nachricht: Für die Baufirma von Tanias Mann, der in Kiew zurückbleiben musste, geht es nach Monaten des Stillstands endlich wieder aufwärts. Die Baufirma hat mehrere Bauaufträge bekommen, da Einkaufszentren schnell renoviert werden müssten.

Die schlechte Nachricht ist leider, dass die Oma der beiden Kinder an Krebs erkrankt ist und die Familie jetzt wieder zurückwill, um vielleicht die letzte gemeinsame Zeit zu nutzen. Dabei trifft es die 18-jährige Tochter sehr hart, da sie ein sehr inniges Verhältnis zu ihrer Oma hat.

Bekannte aus dem Umkreis geben Entwarnung und sagen, dass die Familie zurückkommen kann, da wieder alles okay sei. Es heulen am Tag immer noch mehrere Sirenen, woran man sich aber gewöhnt hätte. Doch gerade die beiden Kinder Wowa und Sonia könnten dadurch wieder traumatisiert werden. Andere Mütter mit Kindern hingehen, raten der Familie aber davon ab, da es noch zu unsicher sei und es immer wieder zu Explosionen kommt.

Tania ist hin und her gerissen: Einerseits könnte sie es sich niemals verzeihen, wenn sie mit den Kindern zurückfährt und ihnen dabei etwas passiert. Andererseits möchte sie die Oma, also die Mutter ihres Mannes sehen.

Die Familie überlegt, in den Ferien für eine Woche zurückzufahren.

Das Wiedersehen mit Ehemann und Vater Dima

Sie hat's tatsächlich getan! Die Ukrainerin Tania, die wir begleiten, seit sie vor fünf Monaten nach Stuttgart geflüchtet ist, ist nach Kiew gefahren. Als wir vor ein paar Wochen das letzte Mal über Tania berichtet haben, war sie hin- und hergerissen zwischen der Sehnsucht nach ihrem Zuhause und der Angst vor dem Krieg. Die Sehnsucht hat gewonnen und Tania ist mit ihren Kindern – erstmal nur über die Sommerferien – im Auto nach Hause zurückgekehrt.

Das war eine sehr lange Reise und wir haben schon ein bisschen Angst gehabt, weil man nie weiß, wann und wo die Rakete fällt. [...] Wir haben auch sehr viele zerstörte Gebäude gesehen.

Dann, nach zwei Tagen Fahrt und diversen Kontrollen seitens des Militärs, endlich das Wiedersehen mit Ehemann und Vater Dima, der in Kiew geblieben war:

Tränen, Freude und viel Wertschätzung – die Zusammenkunft der Familie in Kiew hat viele Emotionen ausgelöst. Erst jetzt ist Tania und ihren Kindern klar geworden, wie sehr ihnen ihre Heimat gefehlt hat. Sie fühlen sich sicher bei Dima. Aber: Es gibt eine nächtliche Ausgangssperre in Kiew und rund um die Uhr Sirenenalarm.

Es gibt immer wieder Raketenanschläge, besonders in der Nacht. Wenn man zum Beispiel irgendwo unterwegs ist und die Kinder sind zu Hause und es gibt Sirenenalarm, dann ruft man natürlich sofort zu Hause an. Ich versuche mich an die neue Realität zu gewöhnen, wie die anderen Menschen, die in der Ukraine geblieben sind. Alle Kinder wissen Bescheid, dass sie nichts vom Boden aufheben können, also nichts anfassen sollen.

Überall in Kiew liegen Minen und Granaten herum. Mitten in diesem Wahnsinn trifft Tania jeden Tag ihre Freundinnen, Nachbarn, Verwandte, die sie so vermisst hat. Und: Die Friseurin hat gleich nach ihrer Ankunft wieder angefangen zu arbeiten – der Wunsch nach Normalität ist einfach riesig. Langjährige Kunden sind für sie mittlerweile zu Freunden geworden, dementsprechend groß war auch da die Freude beim Wiedersehen.

Tania mit ihrem Ehemann Dima (Foto: SWR)
Tania und ihre Ehemann Dima in der Ukraine.

Ihre Sprache, ihr Zuhause, ihre Heimat und ihre Menschen um sich herum – ob Tania wohl trotz des immer noch gefährlichen Kriegs doch nicht nur zu Besuch dort in Kiew ist?

Das hängt natürlich sehr stark davon ab, wie die Situation sich weiter entwickelt. [...] Es kann jederzeit wieder viele Raketenangriffe geben und dann werden wir wohl wieder nach Deutschland fahren. [...] Aber ansonsten würden wir doch sehr gerne in Kiew bleiben.

Die Entscheidung: Tania kehrt nach Kiew zurück

Nach dem Besuch in Kiew, um die schwerkranke Schwiegermutter und ihren Mann wiederzusehen, der dort geblieben war, ist der Entschluss gefasst: Tania bleibt in Kiew und kehrt nicht mehr nach Stuttgart zurück. Bei ihrer Gastgeberin Hilli löst das gemischte Gefühle aus.

Einerseits hab ich mich für sie gefreut, weil sie so Sehnsucht hatte nach ihrem Mann und ihrem Zuhause und auch nach ihrer Arbeit, andererseits mache ich mir natürlich Sorgen, weil sie zwanzig Mal am Tag Sirenenalarm haben. [...]

Dass Tania nicht warten möchte, bis der Krieg zu Ende ist, kann Hilli aber auch verstehen.

Logo SWR3 (Foto: SWR, SWR)

Diverses Hilli & Tania: Was Hilli über Tanias Rückkehr nach Kiew denkt

Dauer

Anmod:
Fünf Monate lang hat die Ukrainerin Tanja mit ihren Kindern bei der Stuttgarterin Hilli Pressel gewohnt, nachdem sie vor dem Krieg geflüchtet war – dann hat sie vor ein paar Wochen beschlossen, nach Kiew zu fahren. Erstmal vorübergehend, um die schwerkranke Schwiegermutter zu besuchen und ihren Mann wiederzusehen, der dort geblieben war. Jetzt hat Tanja sich tatsächlich entschieden, ganz in Kiew zu bleiben und nicht mehr nach Stuttgart zurückzukommen. Bei ihrer Gastgeberin Hilli löst das gemischte Gefühle aus…
Abmod:
Da ist ne enge Bindung entstanden, die sicher weiter bestehen bleibt...und SWR3 Reporterin Barbara Lampridou erzählt uns gleich noch, wie es Tanja in Kiew mit ihrer Entscheidung geht.

Falls Tania irgendwann wieder nach Deutschland kommen möchte, steht Hillis Tür offen. Keine Sekunde hat Hilli bereut, Tania und ihre Kinder aufgenommen zu haben. Was für sie bleibt, ist Dankbarkeit, weil das Zusammenleben so gut funktioniert hat. Für den geplanten Besuch in Kiew hatte Tania schon fast alle persönlichen Dinge mitgenommen, nur ihre Pflanzen blieben in Stuttgart zurück. Hilli kümmert sich jetzt um sie und sie stehen weiterhin in Kontakt.

Tanias Zukunft in Kiew

Trotz Krieg, Sirenenalarm und Zerstörung ist Tania mit ihren Kindern nach Kiew zurückgekehrt. Wie geht es ihr jetzt? SWR3-Reporterin Barbara Lampridou hat mit Tania in Kiew und unserer Übersetzerin Genia mit Hilfe von Sprachnachrichten darüber gesprochen, dass der Hauptgrund für ihre Rückkehr ihr Mann war, den sie monatelang nicht gesehen hatte.

Sie kann sich ihr Leben ohne ihn nicht vorstellen. Der Mann von Tania würde die Ukraine nie verlassen. Auch wenn es möglich wäre, würde er das nie tun

Anmerkung der Redaktion: Männer im wehrfähigen Alter dürfen die Ukraine seit Kriegsbeginn nicht verlassen.

Selbst wenn Tania sich in Stuttgart dauerhaft ein neues Leben hätte aufbauen wollen – ihr Mann wäre laut Übersetzerin Genia auch nach dem Krieg niemals hierher gekommen. Aber Tania hätte hier auch keine Wurzeln schlagen können, so sehr sie sich bei und mit ihrer Gastgeberin Hilli wohlgefühlt hat.

Die Angst wegen des ständigen Sirenen-Alarms blendet Tania aus. Auch wenn es kein gutes Gefühl ist, dass der 12-jährige Sohn Wowa allein zu Hause bleibt, wenn sie und ihr Mann zu Arbeit gehen. Er muss weiterhin online unterrichtet werden, da die Schulen keine Bunker haben oder zu klein sind.

Tania versucht, den Ukrainern aus anderen Gegenden zu helfen, einen Job oder ein Zuhause zu finden und sie spendet auch für verschiedene Zwecke – obwohl sie weiß, dass es für die Familie nach dem Krieg finanziell noch schwieriger sein wird. Vieles hat sich verändert für und in Tanja – das letzte halbe Jahr kommt ihr wie ein Traum vor, schreibt sie. Aber an Deutschland erinnere sie sich mit einem warmen Gefühl, so die Übersetzerin.

Logo SWR3 (Foto: SWR, SWR)

Diverses Folge 13: Zukunft in Kiew

Dauer

Anmod:
Flucht aus Kiew nach Stuttgart und wieder zurück - die Ukrainerin Tanja, die fünf Monate mit ihren Kindern bei der Stuttgarterin Hilli Pressel gewohnt hat, ist wieder nach Hause zurückgekehrt. Trotz Krieg, Sirenenalarm, Zerstörung. Wie es ihrer Gastgeberin mit dieser Entscheidung geht, haben wir grad gehört. SWR3-Reporterin Barbara Lampridou hat mit Tanja in Kiew und unserer Übersetzerin Genia mit Hilfe von Sprachnachrichten darüber gesprochen, dass der Hauptgrund für ihre Rückkehr ihr Mann war, den sie monatelang nicht gesehen hatte.
Abmod:
Wir wünschen Tanja und ihrer Familie von Herzen, dass sie weiterhin gut durch diese furchtbare Zeit kommen... - die ganze Geschichte von Tanja und Hilli haben wir auf swr3.de für euch zum Nachlesen und auch Nachhören!

Wir wünschen Tania und ihrer Familie von Herzen, dass sie weiterhin gut durch diese furchtbare Zeit kommen. Und auf die Frage, ob sie irgendwann zurück nach Deutschland kommen wird, schreibt Tania an SWR3-Reporterin Barbara Lampridou – auf Deutsch: „Natürlich werde ich kommen. Hilli und du und ich, wir werden uns wiedersehen.“

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