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Björn Widmann
Björn Widmann (Foto: SWR3)

Seit Beginn der Ukraine-Krise ist immer wieder von pro-russischen Separatisten die Rede: Was bedeutet das eigentlich? Wer sind die und was wollen sie? Das erklären wir dir hier!

Die Separatisten in der Ostukraine sind eine noch recht junge Erscheinung. Zum ersten Mal sind sie 2014 aktiv geworden – zwei Monate nach dem Ende der blutigen Euromaidan-Proteste in der ukrainischen Hauptstadt Kiew.

Woher kamen die Separatisten in der Ostukraine?

Vier Monate hatten die Euromaidan-Proteste gedauert – von November 2013 bis Februar 2014. Die Menschen in der Ukraine waren sauer, dass die Regierung des Landes seine Unterschrift nicht unter das Assoziierungsabkommen mit der EU setzen wollte. Es gab heftige Proteste, mehr als 80 Menschen starben. Russland hatte Druck auf die Ukraine ausgeübt, das Abkommen nicht zu unterzeichnen und stattdessen in ein Handelsabkommen zwischen Russland, Belarus und Kasachstan einzusteigen – und die Regierung in Kiew knickte vorerst ein.

Mit dem Assoziierungsabkommen sollte die Ukraine Partner der EU werden – auf 1.200 Seiten wurden Ziele formuliert, die die Ukraine als gleichwertigen Partner Europas erreichen sollte. Die Ukraine sollte sich damit verpflichten, demokratisch und rechtsstaatlich zu werden, Menschenrechte zu achten, die Korruption eindämmen und im Handel, bei Zöllen, Abgaben, Energiefragen, beim Umweltschutz und in vielen weiteren Bereichen an die EU angeglichen zu werden.

Nachdem die Ukraine die Unterschrift zur EU-Annäherung auf Druck von Russland verweigerte, ging Russlands Präsident Wladimir Putin noch einen Schritt weiter: Er gab den Befehl, die Halbinsel Krim zu besetzen und annektierte sie – löste sie also rechtswidrig aus der Ukraine und stellte sie unter russische Verwaltung.

Annexion der Krim gibt Separatisten in Ostukraine Rückenwind

Das kam den Menschen im Osten der Ukraine gelegen: Viele pro-russische Einwohner der Oblasten (vergleichbar mit den Bundesländern in Deutschland) Donezk und Luhansk wollten sich sowieso von der Ukraine lossagen und unabhängig werden. Sie gingen für ihren Plan so weit, dass noch im selben Jahr ein bewaffneter Konflikt angefacht wurde: Die Separatisten – also die Menschen, die sich von der Ukraine lossagen und unabhängig werden wollten – kämpften gegen die ukrainische Armee für ihre Eigenständigkeit.

Zwar wurde im Februar 2015 ein Abkommen geschlossen, das die Kämpfe beenden und den Frieden im Osten der Ukraine vorantreiben sollte, trotzdem rumorte es in den Oblasten Donezk und Luhansk immer wieder. Die Separatisten wollten nach wie vor unabhängig werden – aber weder Russland noch die Ukraine erkannten ihre selbst ausgerufenen unabhängigen Staaten in den folgenden Jahren an.

Vor wenigen Tagen hat sich das Blatt aber gewendet: Die Separatisten haben die große Bühne im Kreml in Moskau bekommen – Russlands Präsident Putin hat die selbst ernannten Volksrepubliken endlich als unabhängig anerkannt und damit heftige Kritik im Westen ausgelöst.

Ukraine-Karte: Das sind die Separatistengebiete

Was bedeutet Anerkennung der Separatisten?

Mit der Anerkennung der von den Separatisten ausgerufenen unabhängigen Verwaltungsgebiete hat Russlands Präsident Putin die Aufständischen ihrem Ziel einen Schritt näher gebracht. Da sie auf der Seite Russlands stehen, können die Separatistengebiete auf Unterstützung aus Moskau bauen.

Das eigentliche Ziel der Separatisten ist aber nicht die Unabhängigkeit ihrer Oblasten, sondern ein Anschluss an Russland. Das sieht aber ein von Berlin und Paris mit ausverhandelter Friedensplan namens Minsk II für den Donbass gar nicht vor.

Wer sind die Köpfe der Separatisten in der Ostukraine?

Am Anfang standen oft Russen wie der Ex-Geheimdienstmann Igor Girkin (51) oder der jetzige russische Parlamentsabgeordnete Alexander Borodai (49) an der Spitze der Separatisten. Später wurden sichtbare Positionen mit einheimischen Leuten besetzt.

Die Luhansker Separatisten werden von dem ehemaligen Geheimdienstler Leonid Passetschnik (51) angeführt. In Donezk ist Denis Puschilin (39) der Chef. Kiew hatte die Gebiete bereits vor der Anerkennung durch den Kreml als russisch besetzt eingestuft.

Wie viel Gebiet hat die Ukraine an die Separatisten verloren?

Mehr als 400 Kilometer Grenze zu Russland zwischen dem Asowschen Meer und dem Fluss Siwerskyj Donez hat Kiew an die Aufständischen verloren. Über 420 Kilometer Frontlinie mit mehreren Übergangspunkten trennt die Region vom Regierungsgebiet.

Weil die Ukraine die Regionen nicht mehr mit Wirtschaftsgütern versorgt, läuft die Belieferung ausschließlich über die russische Grenze mit mehreren Straßen- und Eisenbahnübergängen. Die Belieferung mit Nachschub wurde auch in einem aufsehenerregenden Gerichtsurteil im benachbarten russischen Gebiet Rostow dokumentiert.

Wie stark sind die Streitkräfte der Separatisten in der Ostukraine?

Die ukrainische Militäraufklärung schätzt, dass die Streitkräfte der Separatisten ungefähr 35.000 Mann stark sind. Angeführt und ausgebildet werden die auf Vertragsbasis dienenden Einheimischen demnach von etwa 3.000 russischen Offizieren.

Der bekannte Rebellenkommandeur Alexander Chodakowski (49), ein ehemaliger Offizier des ukrainischen Geheimdienstes, sagte allerdings vor Kurzem, dass diese Zahlen bei weitem nicht erreicht würden.

EU-Kommission prüft Beitrittsantrag Die Ukraine will in die EU – aber wie schnell geht das?

Georgien, Moldau und die Ukraine möchten Mitglieder der Europäischen Union werden. Bis es so weit ist, könnte es aber dauern – selbst vor dem Hintergrund des Ukraine-Kriegs.

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