STAND
AUTOR/IN
Christian Kreutzer (Foto: SWR3)

Der britische Guardian hat die ungefähren Zahlen tödlich verunglückter Gastarbeiter in Katar in mühevoller Kleinarbeit recherchiert. Sie sind erschütternd – und liegen in Wahrheit wohl noch viel höher.

Schon seit Jahren sind die vielen Toten unter Katars Gastarbeitern ein Thema. Jetzt hat der britische Guardian erstmals Zahlen geliefert: Mehr als 6.500 Gastarbeiter sollen demnach seit der WM-Vergabe an Katar vor zehn Jahren ums Leben gekommen sein:

Revealed: 6,500 migrant workers have died in Qatar as it gears up for World Cup https://t.co/ENKDyqmJqb

Als Quelle nennt die Zeitung Regierungen der jeweiligen Herkunftsländer – vornehmlich Indien, Pakistan, Nepal, Bangladesch und Sri Lanka. Dort hatte der Guardian zuvor angefragt. Im Durchschnitt seien seit Dezember 2010 jede Woche 12 Menschen aus diesen Ländern beim Arbeiten in Katar ums Leben gekommen.

Wohl noch viel mehr tote Gastarbeiter in Katar

In Wahrheit – davon sind die Rechercheure des Guardian überzeugt – liege die Sterberate noch viel höher: In den Zahlen seien nämlich etliche Länder nicht enthalten, die ebenfalls Tausende Gastarbeiter nach Katar entsandt hätten. Darunter seien beispielsweise Kenia oder die Philippinen.

Katar hat in den zurückliegenden zehn Jahren ein riesiges Bauprogramm in Vorbereitung auf die Fußball-WM 2022 gestartet: Stadien, Straßen, ein neuer Flughafen, Hotels, öffentliche Verkehrsmittel und ein ganz neuer Stadtteil der Hauptstadt Doha wurden hochgezogen. Ein großer Teil der Bauarbeiter sei nur deswegen im Land gewesen.

Die Todesursachen: Baustellenunfälle, Stürze, Haushaltsunfälle mit Strom in primitiven Unterkünften, Hitzschläge, Herzinfarkte und Selbstmorde. „Natürliche Todesursache“ stehe dann meist in den Papieren.

Gastarbeiter in Katar: „Von der Gnade skrupelloser Arbeitgeber abhängig“

Der Guardian weist darauf hin, dass hinter all diesen Zahlen erschütternde Einzelschicksale stecken. Oft sei der Tote der Ernährer seiner Familie gewesen. Viele Kritiker sprechen von Katars „Blut-Arenen“.

Katar habe zwar „bedeutende Reformen" angepackt und einige wichtige Fortschritte“ erzielt, lobte die Menschenrechtsorganisation Amnesty International vor rund zwei Wochen. Aber: Einige Besserungspläne würden kaum umgesetzt, Tausende Arbeiter seien noch immer „von der Gnade skrupelloser Arbeitgeber“ abhängig, deren Misshandlungen viel zu oft ungestraft blieben.

Viele wollen, das Katar etwas ändert – aber wenig passiert

Der FC Liverpool von Teammanager Jürgen Klopp nannte die Missstände am Rande der Klub-WM 2019 beim Namen. Die Reds machten sich für die „Aufklärung der Umstände aller ungeklärter Todesfälle“ stark. Die ihrer Lieben „beraubten Familien sollten die Gerechtigkeit erfahren, die sie verdienen“, schrieb Klubchef Peter Moore.

FIFA und WM-Organisationskomitee in Katar sagen, Todesfälle nehme man sehr ernst und untersuche jeden einzelnen Fall. Katar hat Reformen immer wieder angekündigt, jedoch nur schleppend umgesetzt.

STAND
AUTOR/IN
Christian Kreutzer (Foto: SWR3)

Meistgelesen

  1. Internationaler Frauentag Bis an die Spitze gekämpft: Das ist die erste Frau, die…

    Sie haben nicht aufgegeben, bis sie die erste Frau waren, die etwas geschafft hat, das bisher nur Männer getan haben. Allein in den letzten zehn Jahren gab es immer noch so viele „erste Male“. Und meistens war der Weg dahin nicht leicht. Respekt!  mehr...

  2. Interview mit Talkshow-Queen Oprah Harry und Meghan werfen Royals Rassismus vor

    Der Palast als goldener Käfig, Rassismusvorwürfe gegen die Royals – Prinz Harry und Herzogin Meghan haben im Interview mit Oprah Winfrey ein erschütterndes Bild des britischen Königshauses gezeichnet.  mehr...

  3. Informationen zum Coronavirus So hoch ist die Inzidenz in deinem Landkreis, deiner Stadt

    Wie viele Menschen wurden positiv auf Corona getestet? Und wie genau ist die Lage in Deutschland? Hier findest du Karten, die ständig aktualisiert werden.  mehr...

  4. News-Ticker zum Coronavirus RP: Impfungen für Menschen ab 70 starten

    Wegen der hohen Infektionszahlen gibt es in Deutschland zurzeit strengere Regeln und Beschränkungen im öffentlichen Leben. Alle aktuellen Entwicklungen gibt es hier im Corona-Ticker.  mehr...

  5. Stuttgart

    Aktuelle Corona-Regeln Diese Lockerungen gibt es in Baden-Württemberg ab 8. März

    Baden-Württemberg wagt sich nach langen Lockdown-Wochen an erste Öffnungsschritte. Ab dem 8. März darf der Einzelhandel unter Auflagen wieder öffnen. In der Woche darauf sollen die 5. und 6. Klassen in den Wechselunterricht kommen.  mehr...

  6. Deutschland

    FAQ zu Corona-Tests Corona-Schnelltest im Testzentrum oder Laien-Selbsttest

    Seit Samstag gibt es in den ersten Geschäften Corona-Selbsttests zu kaufen. Damit können Laien bei sich selbst einen Nasenabstrich machen und sich so auf Covid-19 testen. In unserem FAQ beantworten wir die häufigsten Fragen.  mehr...